05.10.2011 – Fampridin

(toby) genaueres zum thema, teilzitat aus: http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=39577

Fampridin  Mit Fampridin (4-Aminopyridin) kam im September eine einfache und auch altbekannte Struktur auf den Markt. Fampyra® 10 mg Retardtabletten (Biogen idec) erhielt die bedingte Zulassung zur Verbesserung der Gehfähigkeit erwachsener Multiple-­Sklerose-­Patienten mit Gehbehinderung (EDSS, Expandes Dis­ability Status Scale 4-7). Der Arzneistoff ist bei allen Verlaufsformen der Multiplen Sklerose, schubförmig und progredient, wirksam und kann mit den bestehenden Basistherapeutika kombiniert oder als Monotherapie angewendet werden.  Der Ansatz, Fampridin bei MS-Patienten einzusetzen, ist nicht neu. Die Substanz wurde bereits in den 1990er-Jahren klinisch getestet. Damals wurde ihre Weiterentwicklung gestoppt, da sie keine ausreichende Wirksamkeit bei gleichzeitig engem therapeutischen Fenster zeigte. 2007 begann die amerikanische Firma Acorda Therapeutics eine Darreichungsform mit verzögerter Freisetzung in klinischen Studien zu testen. Aufgrund dieser Daten erteilte die FDA im Januar 2010 die Zulassung in den USA zur Behandlung der eingeschränkten Gehfähigkeit bei Patienten mit MS (AmpyraTM). Anfang 2011 hatten die europäischen Behörden noch gezögert und eine negative Stellungnahme abgegeben. Nun erteilte die EMA im Juli dieses Jahres die europä­ische Zulassung. Bislang konnten MS-Ärzte die Kapseln in der Apotheke anfertigen lassen.

Die Gehbehinderung gehört zu den gravierendsten Folgeerscheinungen von Multipler Sklerose und ist eines der Symptome, welche die Lebensqualität der Patienten am meisten beeinträchtigt. Sie beruht darauf, dass im Verlauf der Erkrankung die Myelinschicht um die Axone der Nervenzellen zerstört wird und an den ungeschützten Stellen vermehrt Kalium aus den freigelegten Kanälen austritt. Dadurch wird die Weiterleitung von Aktionspotenzialen gestört, was zu Muskelschwäche, Muskelsteifigkeit und Gehschwierigkeiten führen kann. Fampridin ist ein neuronaler Kaliumkanalblocker. Die selektive Blockade der Kaliumkanäle bewirkt eine Verlängerung der Aktionspotenziale sowie eine Verstärkung der elektrischen Signalleitung in demyelinisierten Nervenbahnen.  Die empfohlene Tagesdosis ist zweimal täglich 10 mg, wobei die Retardtabletten auf nüchternen Magen einzunehmen sind. Die Erstverordnung sollte auf zwei Wochen begrenzt sein. Zeigt sich danach keine Besserung, sollte die Behandlung abgesetzt werden. Gleiches gilt, sofern sich die Gehfähigkeit verschlechtert oder der Patient keinen Nutzen feststellt.  Nach der Einnahme wird Fampridin schnell und vollständig aus dem Magen-Darm-Trakt resorbiert. Der lipidlösliche Wirkstoff passiert leicht die Blut-Hirn-Schranke und wird größtenteils nicht an Plasmaproteine gebunden. Fampridin wird überwiegend über die Nieren ausgeschieden, wobei die aktive Ausscheidung etwa 60 Prozent ausmacht. Der hierfür verantwortliche Transporter heißt OCT2. Deshalb ist die gleichzeitige Behandlung mit Inhibitoren von OCT2 wie Cimetidin kontraindiziert. Zudem wird vor der gleichzeitigen Anwendung von Fampridin und Arzneimitteln gewarnt, die Substrate von OCT2 sind. Dazu zählen unter anderem Carvedilol, Propranolol und Metformin.  

Der Arzneistoff darf nicht bei Patienten angewendet werden, die möglicherweise allergisch gegen Fampridin oder einen der sonstigen Bestandteile sind. Zudem darf er nicht zusammen mit anderen 4-Aminopyridinen enthaltenden Arzneimitteln gegeben werden. Auch bei Patienten mit akuten oder in der Vergangenheit aufgetretenen Krampfanfällen oder bei Patienten mit leichter, mäßiger oder schwerer Niereninsuffizienz ist Fampridin kontraindiziert. Prinzipiell sollte bei älteren Menschen vor Beginn der Behandlung die Nierenfunktion überprüft werden.  Die Zulassung beruht auf zwei randomisierten placebokontrollierten Phase-III-Studien mit insgesamt rund 540 MS-Patienten (MS-F203 und MS-F204). In beiden Studien sprachen verglichen mit Placebo signifikant mehr Patienten auf die Behandlung an (MS-F203: 34,8 versus 8,3 Prozent, MS-F204: 42,9 versus 9,3 Prozent). Fampridin verbesserte unabhängig von der Dauer und Verlaufsform der MS signifikant die Gehgeschwindigkeit. Die durchschnittliche Steigerung der Geschwindigkeit lag in beiden Studien bei rund 25 Prozent (MS-F203: 25,3 Prozent versus Placebo 5,3 Prozent; MS-F204: 26,3 Prozent versus Placebo 7,8 Prozent). Die Wirkung trat bei den Respondern nach rund zwei Wochen ein und hielt über die gesamte Therapiedauer an.  

Das häufigste unerwünschte Ereignis waren Harnwegsinfekte bei etwa 12 Prozent der Patienten. Im Vergleich zu Placebo kam es zudem vermehrt zu neurologischen Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit, Angstzuständen, Parästhesien, Tremor, Kopfschmerzen und Schwäche. Da Fampridin Schwindel und Gleichgewichtsstörungen hervorrufen kann, kann in den ersten vier bis acht Behandlungswochen das Sturzrisiko erhöht sein.  

Fampyra wurde »unter Auflagen« zugelassen.Dies bedeutet, dass vom Hersteller weitere Nachweise für den Nutzen des Arzneimittels erwartet werden, vor allem über die Langzeitauswirkungen auf andere Aspekte von Gehbehinderungen. Eine bedingte Marktzulassung ist jährlich zu erneuern.

Veröffentlicht am 5. Oktober 2011 in multiple sklerose und mit , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Das erste Medikament das mir nach 11 Jahren MS hilft.Das laufen,stehen und Wasserlassen zB. sind nur einige positive Beispiele.Ich könnte weinen vor Glück.Das erste Medikament was mir hilft.

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